Neues aus Namibia, 2nd. Edition

Über sieben Jahre ist es her, seit ich das erste Mal namibischen Boden betreten habe. Das ist so lange her, dass es allerhöchste Zeit ist, wiederzukommen. Bis Weihnachten bin ich deshalb zu Gast bei Hitradio Namibia in Windhoek. Fotos und Gedanken aus der Zeit hier werde ich auch dieses Mal in Form eines Blogs zusammenfassen – allerdings nicht an dieser Stelle, sondern auf Tumblr.

http://blog.kanth.de 

Der Winter

Auch wenn es eigentlich ziemlich platt klingt, schon wieder über das Wetter zu schreiben: Es ist nun einmal ein super Thema, das einen über fast jeden Smalltalk rettet. In Südafrika wird es gerade Winter. Immer wieder erzählen mir Südafrikaner (und andere, die hier schon länger leben), dass im Winter hier der Himmel immer strahlend blau ist, dass es tagsüber warm und nachts ziemlich kalt ist. Insbesondere, dass es nachts ziemlich kalt wird, kann ich inzwischen bestätigen. Ich wickele mich bereits in drei Decken ein, habe eine elektrische Heizung laufen und freue mich, meine Winterjacke dabei zu haben.

Am Wochenende bin ich in meinem Joburg-Reiseführer (ja, es gibt tatsächlich einen einzigen!) auf einen Satz gestoßen, der mir aus der Seele spricht:

For some unfathomable reason, despite these temperatures South Africa has never really got to grips with the concept of central heating or double glazing.

Zu der Kälte kommt, dass das Wetter hier gerade ganz anders ist, als es mir alle weiß machen wollen. Seit dem Wochenende ist der Himmel grau-in-grau und es regnet immer wieder. Und zwischendurch gibt es eines der berühmten Gewitter. Wenn mir jemand von dem "typischen Winterwetter" in Südafrika erzählt, hinterfrage ich das nun. Die Reaktion darauf: "Das ist der Klimawandel".

Zwei Welten

Es sind schreckliche Bilder, die seit einer Woche über die Fernsehbildschirme in Südafrika flimmern und die Titelseiten der Tageszeitungen aufmachen: „Xenophobic attacks“, fremdenfeindliche Übergriffe in den Townships. Ausländer, viele aus Simbabwe, werden durch die Straßen gejagt, von wütenden Mobs getötet oder ihre Shacks, Wellblechhütten, angezündet.

Wenn ich abends vorm Fernseher sitze oder im Radio davon höre, dann fühlt sich das eigenartig an. Auf der einen Seite erzählen die Bilder von schrecklichen Szenen in der Stadt, in der ich gerade lebe. Auf der anderen Seite bekomme ich nichts von alledem mit. Es ist wahrscheinlich sogar fast so, dass dank Spiegel Online, Tagesschau oder ZDF-Nachrichten die Nachrichtenkonsumenten in Deutschland viel besser und schneller über die Lage in den Townships rund um Johannesburg informiert sind als ich.

Während die Regierung eine unbekannte Macht (Kriminelle?) hinter dem Geschehen vermutet,  führt zum Beispiel SPIEGEL Online Vorurteile als Ursache an:

"Migranten seien kriminell, nähmen den Einheimischen Arbeitsplätze und Frauen weg – und sie würden stinken.“

Bemerkenswert ist, dass diese relativ platte und flapsige Darstellung mir tatsächlich auch schon in vereinzelten Gesprächen begegnet ist. Ich hatte dem bisher nicht so viel Bedeutung beigemessen. Jetzt bin ich in Bezug auf das Ausmaß des Hasses ratlos.

Ein paar zufällig ausgewählte Nachrichtenquellen aus Südafrika:

SABC: “Burnt bodies found after E Rand attacks”
The Star: „Prayer for peace – as killing goes on“
Mail&Guardian: “Wave of hate engulfs Jo'burg”

Und noch ein Blick von außen – BBC: "Thousands flee S Africa attacks"

(Die südafrikanische Rundfunkanstalt SABC berichtet zwar immer wieder kompetent über die Ereignisse, ist aber gleichzeitig sehr mit sich selbst beschäftigt. Intern gibt es einen Streit zwischen dem Aufsichtsrat, dem Intendanten, den der Aufsichtsrat loswerden will und seinem vom Aufsichtsrat auserkorenen Nachfolger, den der Intendant kurzerhand gefeuert hat. Es geht dabei auch um die politische Ausrichtung des Senders. Das neueste Kapitel dieser Geschichte hat es heute Nachmittag mal wieder als Aufmacher – vor den Ereignissen in den Townships und in Downtown Johannesburg – in die Radio-Nachrichten aller SABC-Wellen geschafft).

Der goldene Käfig

Mauer und Armed ResponseHohe Mauern, brummende elektrische Zäune, Überwachungskameras und Nachtwächter, dazu die absolut obligatorischen Firmenlogos der „Armed Response“-Sicherheitsfirmen, die nach einem Druck auf den Panic-Button im Idealfall in wenigen Minuten zur Stelle sind – es sind bedrückende Eindrücke, die man bei einem Sonntagsspaziergang unter strahlend blauem Himmel durch die nördlichen Stadtteile Johannesburgs aufnimmt. Menschen sind kaum auf den Straßen unterwegs, und ob sie ihr Sonntagsfrühstück im Garten genießen, ist auch nicht erkennbar, denn meist in fröhlichen Farben angestrichene Mauern versperren den Blick. Zum Sound der Stadt gehören neben dem Straßenlärm und den Polizei- und Krankenwagensirenen (die es auch in Deutschland gibt) nervende Alarmanlagen. In den allermeisten Fällen handelt es sich um Fehlalarme, weil jemand auf den falschen Knopf seiner Autofernbedienung gedrückt hat oder weil sich jemand in Bereichen seines Hauses bewegt hat, in denen der Alarm scharf gestellt war. Besonders nachts ist das sehr nervig.

Es ist der, wie ich finde, typische Widerspruch dieses Landes: auf der einen Seite die scheinbare (trügerische?) Ruhe, auf der anderen Seite die Unsicherheit, die bei einigen sogar in Paranoia ausartet. Ich habe mit sehr unterschiedlichen Menschen gesprochen. Während einige sich permanent bedroht fühlen und sich kaum aus ihrem Haus trauen, nehmen andere die latente Gefahr nicht wirklich wahr. Das Thema Sicherheit ist – neben Loadshedding und dem Wetter – als Smalltalkthema immer präsent auf Partys oder wo auch immer verschiedene Leute aufeinander treffen.

Dass Südafrika ein ernsthaftes Problem mit Kriminalität und Gewalt hat, lässt sich schwer leugnen. Wikipedia verweist zum Beispiel darauf, dass in der Region Gauteng, in der Johannesburg liegt, mehr Leute durch Morde als durch Verkehrsunfälle sterben (eine Quelle für diese Angaben habe ich nicht gefunden). Die Autos fahren hier mit dem Kennzeichen GP (für Gauteng Province) herum. Scherzhaft haben das einige umgedeutet in „Gangsters Paradise“. Die Zeitungen sind entsprechend voll mit Kriminalitätsmeldungen. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die richtigen Tageszeitungen hier alle einen starken Hang zum Boulevard haben und daher Schreckensmeldungen gerne auf der Titelseite präsentieren. Viele Menschen verlassen Südafrika deshalb – in Richtung Australien oder Kanada. Spaziert man durch die Wohnviertel, stehen vor vielen Häusern Schilder mit dem Hinweis „For Sale“.

Mauer, Zaun, SicherheitDas Goethe-Institut Johannesburg hat sich vor einiger Zeit mal mit dem Thema „Armed Response“ beschäftigt. Die Grundthese dabei war, dass die privaten Sicherheitsfirmen gar kein Interesse daran haben, für wirkliche Sicherheit zu sorgen, denn dann machten sie sich ja selbst überflüssig. Und da in Südafrika mehr Menschen für Sicherheitsfirmen arbeiten als für die Polizei, ist das sicherlich auch ein (zynisches) arbeitsmarktpolitisches Argument.

Auf der anderen Seite lässt es sich in Johannesburg aber auch recht gut leben. Es gibt Gegenden, in denen man sich problemlos frei bewegen kann. In Melville kann man entspannt in einem Straßencafé in der Sonne sitzen oder abends ohne Sorgen ein Bier trinken gehen. In Newtown hat sich sich rund um das berühmte Market Theatre und das Museum Africa eine lebendige Kulturszene mit einigen Kneipen entwickelt. Einige Straßen weiter allerdings beginnt Hilborow. Das Stadtzentrum und ehemaliges Domizil der (weißen) Intellektuellen gilt als die gefährlichste Gegend der Stadt.

In Johannesburg muss man lernen, mit der (Un-)Sicherheit umzugehen. Man muss lernen, Informationen zu sortieren – nach sinnvollen Hinweisen und Schreckensmeldungen. Wenn einem das gelingt und man bestimmte Abstriche von seinen europäischen Gewohnheiten macht, kann man Joburg genießen und viele interessante Eindrücke sammeln.

Don’t be a couch potato

Auf manche Dinge muss man gestoßen werden. Weil zum Beispiel der Name einer absoluten Spezialität so komisch klingt, dass man im Leben nicht auf die Idee kommen würde, sie im Restaurant zu bestellen. Oder weil man sich mit einem bestimmten Thema normalerweise nicht beschäftigt und deshalb auch nicht weiß, was für spannende Veranstaltungen oder Angebote es gibt.

Input-LogoINPUT ist so eine Veranstaltung, von der ich bis vor kurzem noch nie etwas gehört hatte und auf der ich nun seit Anfang der Woche viel Zeit verbracht habe. INPUT ist eine Konferenz, bei der sich Fernsehmacher aus der ganzen Welt treffen, um über ihre Produktionen zu reden. Sie findet in jedem Jahr in einer anderen Stadt statt – nach San Francisco, Taipeh und Lugano in diesem Jahr in Johannesburg.

Praktisch heißt das, dass sich hunderte Menschen für jeweils vier Stunden in einen Raum setzen und Filme schauen. Anschließend wird mit den Machern der gezeigten Produktionen darüber diskutiert, wie sie bestimmte Bilder gemacht haben, was ihr Ziel war, welche Probleme es gegeben hat und warum die brillante Dokumentation erst auf einem Sendeplatz nach Mitternacht gesendet wurde. Nach etwa 15 bis 20 Minuten wird dann der nächste Film gezeigt.

Programm-BildschirmDas ganze läuft in so genannten Sessions ab. Es gibt drei Screening-Rooms, in denen parallel verschiedene Filme gezeigt werden. Die Sessions heißen dann zum Beispiel „Don’t be a couch potato“, darin laufen Beispiele aus der ganzen Welt, wie man interaktives Fernsehen machen kann. In „Beyond correct“ liefen satirische Filme. Mein persönlicher Favorit aus dieser Session ist übrigens Yallahrup, eine dänische Puppenserie. In der gezeigten Folge geraten zwei jugendliche (pseudo-) Gangster an einen Dschihadisten, der sie als Selbstmordattentäter werben will. Die beiden haben keine Ahnung, worum es geht und fahren total auf die 92 Jungfrauen ab, die er ihnen verspricht. Vielleicht findet ja jemand eine der Folgen in Youtube?

Input-ProgrammAuch aus Deutschland sind einige Filme dabei: „Prinzessinenbad“ zum Beispiel, der im vergangenen Jahr der erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm war oder „Die Piloten“, ein anstrengender 90-Minuten Film über ein anstrengendes Projekt von Christoph Schlingensieg. Nach knapp einer halben Stunde hat mich die Vorstellung, noch 60 weitere Minuten in dem Film zu sitzen so gestresst, dass ich Kaffee trinken gegangen bin.

Übrigens ist es – bei allem positiven – äußert schwer, bei INPUT zu einem „Couch Potato“ zu werden. Denn vier Stunden in einem dunklen Raum sitzen, total verschiedene Filme sehr unterschiedlicher Qualität sehen und anschließend diskutieren, erfordert viel Disziplin. Und leider ist INPUT nun mal eine Konferenz für professionelle Fernsehmacher. Chips, Bier und bequeme Stühle gibt es in den Screening-Rooms nämlich nicht. Deshalb habe ich bis jetzt auch noch keine Session komplett durchgehalten.