Archive for the 'Snapped' Category

Von wegen Wahlkampf

Posted by Julian Kanth on Jun 10 2007 | La vie parisienne, Snapped

Ich bin richtig ein wenig enttäuscht. Nach den spektakulären Aktionen im April, den Großveranstaltungen und den eifrigen, aufdringlichen Helfern hatte ich mich schon richtig auf eine neue Wahlkampfrunde gefreut. Und dann: nichts!

Heute sollen die Franzosen wieder wählen. Dieses Mal geht es nicht um den Präsidenten, sondern um die Nationalversammlung, das Parlament. Eigentlich ein guter Zeitpunkt für die Abgeordneten, um um die Wählerstimmen zu werben, zu beweisen, dass sie da sind und zu erklären, was sie für ihren Wahlreis erreichen wollen. Nö.

Wahlplakat in der Pariser InnenstadtDie Sozialisten scheinen so sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, dass sie keinen Ehrgeiz mehr haben, sich noch großartig um den Wahlkampf zu kümmern. Und die UMP von Präsident Sarkozy scheint so siegesgewiss, dass sie es ebenfalls nicht nötig zu haben scheint. Und so waren am Freitag zwar ein paar fleißige Helfer aus der Basis unterwegs, um an den Ausgängen der Métro im Berufsverkehr noch eifrig Flyer zu verteilen. Ob das aber für eine so hohe Wahlbeteiligung reicht, wie bei der Präsidentschaftswahl, wage ich stark zu bezweifeln.

Meinen persönlichen Favoriten habe ich übrigens mitten in der Stadt entdeckt, nicht weit vom Einkaufszentrum „Les Halles“. Er hat es dort etwas schwer, weil irgendwelche ignoranten Party-Promoter seine Wahlplakate halb zugeklebt haben. Trotzdem (oder gerade deshalb?) drücke ich Mario STASI die Daumen.

Ok, ja, ertappt. Eigentlich geht es mir ja nur um das Wortspielchen mit seinem Namen, der deutschen Geschichte und die sich daraus ergebenden möglichen Schlagzeilen, die sich stricken ließen, zöge er tatsächlich in die Nationalversammlung ein. 5 Euro also in die Wortspielkasse.

Nachtrag 11.6.: Leider hat es mein Kandidat nicht geschafft: Mario Stasi hat zwar 13,5 Prozent der Stimmen bekommen, damit die Mehrheit aber deutlich verpasst. Beim nächsten Mal vielleicht. 

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Gedankenfetzen

Posted by Julian Kanth on Jun 04 2007 | La vie parisienne, Snapped

Für manche Gedanken und Erkenntnisse braucht es den richtigen Augenblick, den richtigen Tag, das richtige Wetter oder die richtige Menge Alkohol. Beim Zähneputzen gestern war wohl ein richtiger Augenblick, vielleicht auch der richtige Tag (über das Wetter kann ich nichts sagen, weil ich zu dem Zeitpunkt den Rollladen noch nicht hoch gemacht hatte und den Einfluss von Alkohol kann ich komplett ausschließen). „Normal“ habe ich gedacht und musste dabei zufrieden schmunzeln, was den Vorgang des Zähneputzens nicht unwesentlich erschwerte. Es ist „normal“, in Paris zu sein.

Normalität in meinem ZimmerNun ist es nicht so, dass es vier Monate gebraucht hätte, bis sich endlich bei mir dieses Gefühl einstellt. Gestern, beim Zähneputzen, ist es mir aber bewusst geworden. Denn ich habe die Gedanken ein wenig schweifen lassen. Da sind diese Gewohnheiten, die sich eingestellt haben, die dazu gehören, sich zu Hause zu fühlen. Das viele Métro fahren zum Beispiel, meine Rituale in Bezug auf das Frühstück: die Bäckersfrau begrüßt mich inzwischen immer schon mit einem „Deux?“, ich nicke lächelnd als Antwort und bekomme meine zwei Croissants. Oder die Bar in der Uni in Nanterre, wo ich mir regelmäßig und manchmal mehrmals am Tag für 61 Cent einen Café hole: Über einen der Mitarbeiter habe ich mich in den ersten Tagen immer schrecklich aufgeregt, weil er so langsam arbeitete und immer noch mit jedem ein Schwätzchen hielt; inzwischen halte ich meist selbst ein Schwätzchen mit ihm und lasse die anderen hinter mir warten.

Das Gefühl, das Leben sei „normal“, hat aber auch eine Gefahr: die Langeweile. Und so fühle ich mich manchmal, an manchen Tagen oder in machen Stunden, etwas gesättigt von den Eindrücken. Ich vermute allerdings, dass das mit einer Art „Aufbruchsstimmung“ zusammenhängt, die mich mindestens den ganzen Januar schon in Halle begleitet hat, das Gefühl, dass bald alles schon wieder zu Ende ist und ich das Pariser Leben (und die Pariserinnen) hinter mir lassen muss. Ein erstes Abschiednehmen also.

Gelebte Pariser Normalität: Mein 10m2 Zimmer Am Freitag war der letzte offizielle Unitag in Nanterre. Wir haben zum Abschluss noch einen kleinen Test in dem einen Sprachkurs geschrieben. Abends saß ich zum (vorerst) letzten Mal in einer französischen Vorlesung (wohlgemerkt waren wir zu fünft, nach der Pause zu dritt, und alle Erasmus-Studenten – und das in einer regulären Politikvorlesung; das Klischee vom permanent feiernden Erasmus-Studenten ist damit doch eindeutig widerlegt!?). Und im Laufe des Tages habe ich mich von einigen Begleitern bereits de facto verabschiedet. Zwar besteht noch die Chance, einige von ihnen zu treffen. Allerdings habe ich gleichzeitig am Freitagabend, nachdem ich mich ein wenig über das französische System für pre-paid-Handys aufgeregt habe, beschlossen, meine deutsche Handynummer wieder zu aktivieren und die streikgeplagte Deutsche Telekom wieder etwas zu unterstützen. Und die meisten hier haben logischerweise nur meine französische Nummer.

Das wiederum stellt mich vor eine neue Herausforderung: nicht abheben, weil teuer. Und so bin ich vorhin dann schon einmal reingefallen und – aus Gewohnheit – drangegangen. Eine Versicherungsvertreterin aus Deutschland meldete sich, die mir einen Termin aufschwatzen wollte. Ich habe sie abgewimmelt, etwas ungeschickt, denn ich habe sie darauf verwiesen, mich nach meiner Rückkehr in drei Wochen noch einmal anzurufen. Vielleicht habe ich mich bis dahin aber auch so daran gewöhnt, nicht ans Telefon zu gehen, dass ich effektiv doch meine Ruhe haben werde.

Nächste Woche habe ich noch zwei Prüfungen und dann versuche ich mich noch einmal abzulenken, von dem „normalen“ Leben, den Gewohnheiten und der Aufbruchsstimmung. Ich fahre mit ein paar Freunden Richtung Bordeaux und von dort weiter ans Meer. Ich mag das Wort „Urlaub“ in diesem Zusammenhang nicht verwenden, denn es würde mich in zu große Formulierungsnöte bringen, in Bezug auf die restliche Zeit hier in Paris, die ich nicht in der Uni oder den Bibliotheken verbracht habe. Irgendwie so was wie Urlaub wird es trotzdem wohl werden.

Danach und bis dahin habe ich allerdings noch ein wenig Zeit, es zu genießen, dass das Pariser Leben normal ist. Und das werde ich tun!

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Wenn Guthaben verfällt

Posted by Julian Kanth on Mai 26 2007 | La vie parisienne, Leben, Snapped

Französische Mobilfunkanbieter sind ziemlich gemein. Gerade habe ich wieder eine Nachricht von meinem bekommen:

„Attention, il vous reste moins d’une semaine pour utiliser votre crédit."

Mit den Pre-Paid-Handys läuft es hier in Frankreich nämlich anders als zum Beispiel in Deutschland (nach Gerichtsurteilen dürfen Guthaben selbst nach 13 Monaten nicht verfallen!). Wenn man nicht schnell telefoniert und genug SMS schreibt, dann verfällt das Guthaben eben. Und das sogar relativ kurzfristig: Bei Beträgen von unter 15 Euro (so ungefähr) bleiben immerhin gut 14 Tage, alles weg zu telefonieren. Bei über 15 Euro, die man auflädt, bekommt man immerhin vier Wochen zugestanden – bei höheren Beträgen verlängert sich die Zeit ebenfalls.

Ich habe jetzt zum Beispiel – wie ich ja gerade aus der SMS erfahren habe – noch 6,62 Euro Guthaben, das ich bis nächste Woche aufbrauchen muss. Das wird ganz schön knapp, wenn man bedenkt, dass ich in den vergangenen drei Wochen offenbar gerade Mal für gut 10 Euro Nachrichten verschickt und telefoniert habe.

Immerhin kann man die Phase ein wenig strecken: Denn wenn man neues Guthaben auf die Karte lädt, wird der Gesamtbetrag verlängert. Aber so schiebt man das Problem nur vor sich her. Spätestens Ende Juni werde ich meinem Handynetzbetreiber also gezwungenermaßen großzügig Geld schenken müssen.

Nachtrag 31. Mai: Jetzt ist es passiert. Orange hat mein Restguthaben von 5,20 Euro gegessen. Hoffentlich spenden sie es wenigstens einer wohltätigen Organisation. 

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Kapitulation

Posted by Julian Kanth on Mai 08 2007 | La vie parisienne, Snapped

Eines möchte ich im Moment bestimmt nicht sein: Polizist in Paris. Wenn es dunkel wird, müssen sie sich am Place de la Bastille mit Steinen bewerfen lassen. Und wenn die Nacht dann rum ist, müssen sie stundenlang auf den Champs-Elysées herumstehen und warten. Was für ein Job.

Polizist auf den Champs Elysées

Was die Nächte betrifft, so werden die Polizei-Sprecher nicht müde, den internationalen Medien in die Blöcke zu diktieren, dass es sich im Großen und Ganzen um „normale“ Vorkommnisse gehandelt habe. So habe ich zum Beispiel gelernt, dass es in Frankreich als normal gilt, wenn etwa 100 Autos pro Nacht in Flammen aufgehen.

Anders als in den Nächten ist es tagsüber eher ruhig, auch für die Polizei. Es sei denn, es ist so ein besonderer Tag wie heute: Der 8. Mai, der Tag der (deutschen) Kapitulation und damit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Dieser Tag wird in Frankreich offiziell begangen, die meisten Franzosen haben frei.

Bis auf die Polizisten eben. Für sie bedeutet der Tag sogar zusätzliche Arbeit: Rund um die Champs-Elysées werden alle Zufahrtsstraßen abgesperrt. Die Straße selbst ist durch Absperrgitter gesichert. Und wer im oberen Teil ganz nah an die Straße will, muss sich sogar durchsuchen lassen.

Dieser Aufwand scheint nötig, um den offiziellen Festakt zu schützen. Vor dem Arc de Triomphe sind Bühnen aufgebaut für die Veteranen und es ist zusätzlich eine traditionelle Militärparade angesetzt. Für den französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac ist dieser 8. Mai ein ganz besonderer Tag: Die Würdigung der Opfer des Zweiten Weltkriegs steht als einer seiner letzten offiziellen Termine in seinem Kalender.

Seltenes Bild: autofreie Champs-Elysées

Viel los war nicht, wahrscheinlich wegen des schlechten Wetters. Und bis auf eine Militärblaskapelle und die Reiter-Kavallerie ist nicht viel Militärparade an mir vorbei gekommen. Immerhin habe ich den scheidenden Präsidenten an mir vorbeifahren sehen. Begleitet von ganz vielen Motorradpolizisten. Er hat mich, glaube ich, aber nicht gesehen. Denn er hat in dem Moment in die andere Richtung geschaut, denn von dort haben die Menschen ihm sogar etwas zugejubelt.

Vielleicht bin ich zu früh wieder gegangen.

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Im Zentrum der Revolution

Posted by Julian Kanth on Apr 26 2007 | La vie parisienne, Snapped, Studieren

„Sarkozy: pourquoi il est dangereux“ steht auf einem Flugblatt, dass ich heute Vormittag an der RER-Haltestelle der Uni in die Hand gedrückt bekommen habe. Fast jeden Tag stehen Studenten an der Rampe zur RER und verteilen Zettel, manchmal Werbung meistens aber mit politischen Manifesten oder Einladungen zu Solidaritätskundgebungen. Ein paar Schritte weiter am Eingang zum Campus hängt ein handgemaltes Banner: Das „Festival antifasciste“ wird darauf angekündigt.

Solidaritäts-AufrufWenn man sich im französischen Wikipedia anschaut, welche politischen Gruppen es an der Uni in Nanterre gibt, verschwinden jegliche Zweifel an der politischen Ausrichtung der Studentenschaft: Das Spektrum reicht von den „jeunes communiste Révolutionaire“, über die „Parti comuniste marxiste-léniniste de France“ bis zur „Parti Communiste“.

Auch wenn man in der Vergangenheit schaut, werden die revolutionären Wurzeln der Universität Nanterre deutlich: Im Frühjahr 1968 besetzten Studenten verschiedener politischer Richtungen Verwaltungsgebäude und Wohnheime in Nanterre. Die Proteste – bei denen es zunächst unter anderem um hochschulpolitische Ziele ging – weiteten sich in den darauffolgenden Wochen aus und erfassten schließlich ganz Frankreich und mündeten in einem wochenlangen Generalstreik.

Neben heute prominenten linken Politikern wie Daniel Cohn-Bendit, Oliver Besancenot (Präsidentschaftskandidat der kommunistischen Partei) oder auch Philosophen wie Jean Baudrillard und Étienne Balibar hat auch der rechts-konservative Präsidentschaftsanwärter Nicolas Sarkozy ein paar Jahre seines Lebens an „Nanterre la rouge“ verbracht.

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