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ZurĂŒck

Posted by Julian Kanth on Jun 24 2006 | Bilanzierend, Neues aus Namibia

Abflugtafel in KapstadtHupkonzerte, “Deutschland, Deutschland”-GesĂ€nge und BöllerschĂŒsse schallen vom Rannischen Platz hoch durch das offene Fenster in mein Zimmer. Die Sonne scheint, es ist warm und Deutschland hat sich gerade mit einem 2:0-Sieg ĂŒber Schweden ins Viertelfinale vorgekĂ€mpft.

Es ist schon etwas komisch. Noch vor einer Woche habe ich um diese Zeit in Kapstadt gesessen, wenn ich mich recht entsinne, beim Essen. Draußen war es dunkel, um mich herum haben alle Englisch gesprochen. Wer mitbekommen hat, dass ich Deutscher bin, hat mich auf die WM angesprochen, auf die Leistung der deutschen Nationalmannschaft. Besonders bei mir hĂ€ngen geblieben ist der Tag nach dem 1:0 Sieg gegen Polen. Das war, als wir uns die Victoria Falls angesehen haben – auf der Simbabwe und der Sambia-Seite. Das hieß konkret vier Passkontrollen: Simbabwe Aus-, Sambia Ein-, Sambia Aus- und Simbabwe-Einreise. “Nice game!” – waren sich fast alle Grenzbeamten einig.

Der Abschied ist mir schwer gefallen. Ich wĂ€re gerne noch etwas lĂ€nger geblieben – allein fĂŒr Kapstadt hĂ€tte ich noch etwas mehr Zeit gebraucht. Gedankenspiele, lĂ€ngerfristig dort zu bleiben, habe ich aber schon im Anfangsstadium verworfen. Ich habe die Zeit zwar sehr genossen, besonders die Arbeit und die Menschen in Namibia. Die Chance, viele Dinge auszuprobieren und einfach zu machen, hat mir sehr gefallen und mich sicherlich weiter gebracht. Immer wieder, wenn ich alleine in der Praktikantenwohnung gesessen habe, habe ich mich darĂŒber gefreut, nach Namibia gekommen zu sein. Die Erfahrungen, die Bilder, die EindrĂŒcke (vieles davon lĂ€sst sich ganz gut in diesem Weblog nachlesen) – Nein, ich habe die Entscheidung nicht eine Sekunde lang bereut.

Aber ich habe auch sehr deutlich gemerkt, dass ich mich nicht so einfach von meinem Leben in Deutschland verabschieden könnte. Es gibt zu viele Dinge, die mich hier festhalten. Das hat mich auf der einen Seite erschreckt – ich habe mir eigentlich immer eingeredet, dass ich total flexibel bin. Auf der anderen Seite habe ich mich aber auch gefreut, dass mir der Abstand von der Heimat geholfen hat, einige Dinge zu schĂ€tzen und meinen Blick fĂŒr die schönen Sachen zu Hause zu schĂ€rfen.

Halles HÀndel im WM-Taumel

Die wenigen Tage in Kapstadt haben mir – unabhĂ€ngig davon – allerdings auch noch etwas anderes noch einmal deutlich gemacht. Kapstadt ist eine wirklich schöne und reizvolle Stadt, die viel zu bieten hat. Was mich allerdings erschreckt hat, sind die Probleme, die es dort offensichtlich gibt. Rund um unser Hotel an der Waterfront haben Tag und Nacht dutzende Securities patrouilliert. Dann sind da noch die elektrischen ZĂ€une rund um die HĂ€user. In meinen Ohren klingen auch immer noch die RatschlĂ€ge der Kollegen in Windhoek, abends nicht mehr alleine durch die Stadt zu laufen und nicht mit den Hup-Taxis zu fahren. Mir ist nie etwas passiert, aber die RatschlĂ€ge und die Securities sind vermutlich nicht ohne Grund dort. Diese Symptome stehen stellvertretend fĂŒr eine ganze Reihe von Dingen. Es wird sicherlich spannend, das ganze nun weiter zu beobachten – ĂŒber die Medien, vermischt mit meinen eigenen EindrĂŒcken aus der Ferne und bei einer wahrscheinlichen RĂŒckkehr vor Ort.

Jetzt bin ich wieder zu Hause, fast 9.000 Kilometer von dort entfernt. Als ich am Dienstag in DĂŒsseldorf gelandet bin, war das ein gutes GefĂŒhl. Nicht nur weil ich nicht mehr weit weg war von zu Hause. Sondern auch, weil ich in ein sehr internationales und offenes Land zurĂŒckgekommen bin. Am Flughafen hat mir ein Mann einen Flyer in die Hand gedrĂŒckt. “Englisch oder Deutsch?” hat er gefragt. In den ZĂŒgen bemĂŒhen sich die Schaffner, die Ansagen in Englisch zu machen. An allen Autos hĂ€ngen Deutschland-Fahnen. Das Wetter ist gut.

Heute Nachmittag habe ich auf dem Dach in der Sonne gesessen und den Ausblick auf Halle genossen. Es war ein gutes GefĂŒhl wieder zu Hause zu sein. Ich war aber auch sehr zufrieden. Ich habe Namibia kennen gelernt – viel besser als ich es auf einer Reise hĂ€tte kennen lernen können. Das “Namibia”-Puzzle ist trotzdem bei weitem nicht komplett. Immerhin habe ich mich zum Schluss in Windhoek zu Recht gefunden und hatte zumindest eine Ahnung davon, wie es sich dort wirklich lebt.

StraÃ?enbahn in Halle am MarktDaraus ergeben sich fĂŒr mich zwei Konsequenzen. Ich muss mehr von der Welt kennen lernen – bis jetzt habe ich viel zu wenig gesehen. Wenn ich andere LĂ€nder wirklich kennen lernen will, muss ich lĂ€nger dort bleiben. Klingt banal, war mir auch vorher klar, aber nach meinen Erfahrungen der letzten Wochen steht fĂŒr mich hinter diesen Feststellungen ein dickes Ausrufezeichen.

Mein nĂ€chstes Ziel nĂ€chstes Jahr steht schon fest, die Unterlagen sind bereits eingereicht. Was danach kommt? “Folge den Zeichen” heißt es in dem Buch “Der Alchimist”. Und die Seite worldtrip.de dreht den Gedanken weiter: “Viele Traveler verstehen den Ausdruck “Go With The Flow” aus eigener Erfahrung: Reisen sensibilisiert nĂ€mlich fĂŒr die Zeichen, die wie Verkehrsschilder am Lebensweg stehen und in Richtung individueller Lebensbestimmung deuten.”

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Halbzeit

Posted by Julian Kanth on Mai 01 2006 | Bilanzierend, Neues aus Namibia

Es gewittert draußen, der Regen trommelt auf das Dach der kleinen Wohnung, seit ĂŒber zwei Stunden geht das schon so. Wenn es hier in Namibia regnet, das habe ich inzwischen mitbekommen, dann regnet es richtig. Es ist Sonntag, morgen bin ich genau fĂŒnf Wochen hier, fĂŒnf weitere Praktikumswochen liegen vor mir – Zeit fĂŒr eine Halbzeitbilanz.

Die Wohnung von aussen bei gutem WetterBei der NBC habe ich ordentlich zu tun. Zum Teil gestalte ich bis zu vier Sendungen pro Tag. DafĂŒr sitze ich den ganzen Vor- und Nachmittag in der Redaktion, höre BĂ€nder mit dem Programm der Deutschen Welle durch, surfe im Internet und schreibe Moderationen. Ich bin froh, dass ich so viel machen kann, dass ich hier so viel Live-Erfahrung sammeln kann. Inzwischen gibt es sogar schon die ersten Stammhörer, die mich regelmĂ€ĂŸig bei der Arbeit anrufen. UrsprĂŒnglich hatte ich ja gehofft, dass ich relativ viel als Reporter “draußen” machen kann. Von diesem Gedanken habe ich mich in den vergangenen Wochen allerdings nach und nach verabschiedet, weil einfach so viel Redaktionelles zu tun ist. An diesem Punkt schwanke ich etwas in meiner Bewertung. Auf der einen Seite finde ich es gut, dass ich einfach viel Zeit im Studio verbringen kann, auf der anderen wĂŒrde ich auch gerne noch etwas mehr Reportererfahrung sammeln und mit Leuten zusammen kommen.

Dabei ist es ja gar nicht mal so, dass ich nicht mit Menschen in Kontakt komme. Ich nutze regelmĂ€ĂŸig Chancen, abends wegzugehen – die vielen Karnevalsveranstaltungen sind da nur ein Beispiel. Die Kollegen bei der NBC sind sehr aufgeschlossen und zum Teil auch sehr unternehmungsfreudig. Und abseits dessen gehe ich auch viel alleine weg – in die Stadt zum Abendessen oder Einkaufen. Immer wieder raten mir Kollegen davon ab, im Dunkeln allein durch die Stadt zu gehen oder gar den Weg von der NBC nach Hause zu gehen. Es gibt viel KriminalitĂ€t hier, viele Menschen sind verzweifelt und haben keine Perspektive. Deswegen gibt es hĂ€ufig ÜberfĂ€lle und DiebstĂ€hle. Die HĂ€user – auch das GrundstĂŒck, auf dem ich wohne – sind durch Mauern oder einen hohen elektrischen Zaun gesichert. Die meisten Einwohner hier in dem Viertel haben Hunde. Ich bin schon viel durch die Gegend gelaufen, nur selten habe ich mir dabei wirklich Sorgen gemacht. Die Wahrheit ĂŒber die Gefahr liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen meiner UnbekĂŒmmertheit und der extremen Vorsicht einiger Kollegen.

UngefĂ€hr 40 Prozent der Menschen in Namibia sind arbeitslos. Das ist eine sehr bedrĂŒckende Zahl, die vielleicht auch die große Frustration bei manchen erklĂ€rt. Diese Arbeitslosigkeit und der Gegensatz zwischen Arm und Reich, heißt es in einem ReisefĂŒhrer, “ist in vielen FĂ€llen leider an die Hautfarben schwarz und weiß gebunden.” Ein NachtwĂ€chter, mit dem ich jeden Abend auf dem RĂŒckweg von der Arbeit noch kurz ein SchwĂ€tzchen halte, arbeitet jeden Tag von Montag bis Sonntag von 19 bis 7 Uhr, ab diesem Monat will er tagsĂŒber zur UniversitĂ€t gehen. Die Wachen bei der NBC haben am Wochenende 16 Stunden Schichten, in den SupermĂ€rkten packen Angestellte die TĂŒten, es gibt ParkwĂ€chter und an der TanksĂ€ule wird man bedient – alles das gleiche Thema. Diese EindrĂŒcke lassen mich viele Dinge in Deutschland ganz anders sehen.

Abseits dieser leicht nachdenklichen EindrĂŒcke geht es mir gut hier. Windhoek ist sehr europĂ€isch, die Innenstadt hat nichts von alledem, was ich mir unter „typisch afrikanisch“ ausgemalt habe. Windhoek ist damit fast ein bisschen langweilig – es hat aber auch enorm viel zu bieten und ich habe bei weitem noch nicht alles erkundet, so dass mir in den nĂ€chsten Wochen mit Sicherheit noch einige interessante EindrĂŒcke bevorstehen.

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