Nebel, dichter Nebel liegt über der Waterfront, keine 20 Meter Sicht. "Wenn dir das Wetter in Kapstadt nicht gefällt", so hat unser Reiseführer Bobby gesagt, "dann warte fünf Minuten." Fünf Minuten also warten und dann ist alles gut?
Der Vormittag ist noch sehr jung. Auf dem Programm steht ein kleiner Ausflug mit dem Schiff – vom "Nelson Mandela Gateway" nämlich auf die ehemalige Gefängnisinsel Robben Island.
Bevor wir auf das Schiff dürfen, werden unsere Sachen durchleuchtet und ein Metalldetektor prüft, ob wir irgendwelche gefährliche Gegenstände in der Kleidung versteckt haben – es fühlt sich fast an, wie auf dem Flughafen. Pünktlich um 10 Uhr legt der geräumige, weiße Katamaran von der Kaje ab. Nicht weit weg lassen sich die Mauern der Hafenausfahrt erahnen; immer noch dichter Nebel. Bequem tuckert das moderne Schiff langsam auf das offene Meer hinaus. Plötzlich lichtet sich der Nebel. Der Himmel ist auf einmal strahlend blau und hinter uns liegt die Nebelwand. Auf dem offenen Meer ist die graue Suppe komplett verschwunden. Der Blick zurück verrät allerdings, das sie nach wie vor über der Küste von Kapstadt liegt. Aus der grauen Wand ragt allerdings monströs der Tafelberg hinaus.
Gut 30 Minuten dauert die Fahrt hinaus nach Robben Island. Was wieder nach einer typischen Touristenattraktion klingt – nach einer Insel voll mit Robben – gehört in Wirklichkeit zum Weltkulturerbe und große Zahlen von Robben gibt es dort schon lange nicht mehr. "Robben Island" ist die berüchtigte Gefängnisinsel, auf der in Südafrikas Apartheid-Zeit vor allem die politischen Gefangenen untergebracht waren. Einer der prominentesten war Nelson Mandela – der (inzwischen) ehemalige Präsident des Landes. Er hat dort fast zwei Jahrzehnte verbracht.
Im Hafen der Insel wartet ein Bus. „WE SERVE WITH PRIDE – Welcome to Robben Island“ steht über dem Portal des Gebäudes, das zu Gefängniszeiten das Besucherzentrum war. Am anderen Ende des Torbogens kann man bereits die ersten Zäune des Hochsicherheitstraktes sehen. Zunächst geht es allerdings mit dem Bus auf zu einer kleinen Inselrundfahrt. Unsere Führerin Roxee erzählt, dass die Insel nicht immer als Gefängnisinsel gedient hat. Sie hat auch schon ein Krankenhaus beherbergt. Dort wurden lange Zeit die Lepra-Kranken untergebracht. Bevor dann schließlich das Gefängnis gebaut wurde, wurden deshalb die ganzen alten Häuser abgerissen. Man befürchtete, dass sie kontaminiert seien. Die Wärter haben lange Zeit in kleinen Häusern gewohnt. Die höheren Ränge hatten etwas größere Häuser. Heute wohnen nur die Museumsangestellten auf der Insel. Die Wohnungen gehören dem Museum. Wer in Rente geht oder gefeuert wird, muss sein Haus räumen und auf das Festland umziehen. Außer den Menschen wohnen auch noch viele Tierarten dort – viele Vögel, Spingböcke und Eland-Antilopen und verschiedene Schlangenarten.
Die Rundfahrt mit dem Bus ist als Orientierung gedacht. Roxee verspricht: "First I’ll drive you around and then I’ll bring you into prison!" Sie hält ihr Wort. Ein ehemaliger Gefangener wartet auf uns. Er erzählt, das er festgenommen wurde, weil er für mehrere Sprengstoffanschläge verantwortlich war. 18 Jahre hat er auf Robben Island verbracht. Er erzählt vom Leben in den engen Zellen, von Misshandlungen, von Schikanen gegen seine Familie, Schüssen auf seinen Vater. Er erzählt davon, dass in dem ursprünglichen Zellenblock am Anfang noch die Kriminellen und die politischen Gefangenen zusammengelebt haben. Dann, so sagt er, sei es den politischen Gefangenen gelungen, die Kriminellen zu politisieren. Deshalb wurden die beiden Gruppen getrennt.
Die Gänge sind eng und grau angestrichen. An einigen Stellen sind inzwischen bunte Bilder an die Wand gemalt worden. In der Zeit nach dem Ende der Apartheid war das Gefängnis zunächst noch in Betrieb. Dann gab es allerdings zunehmend Klagen von Menschenrechtsorganisationen und Robben Island wurde zum Museum. Die ehemaligen Zellen berichten von den Schicksalen der Inhaftierten. An den Wänden hängen kleine Geschichten, in Schränkchen liegen Gegenstände, die zur Flucht verholfen haben oder das Leben abseits der strengen Regeln des Knastes erträglicher gemacht haben.
Der Rundgang endet mit einem Blick in die Zelle von Nelson Mandela. Sie ist eng, und sieht aus wie die anderen in dem Block. Der einzige Unterschied ist, dass die ursprüngliche Einrichtung noch dort liegt. Ein kleiner Schrank, eine Matratze, eine Decke – und weiße Gitterstäbe. Durch ein Fenster scheinen ein paar Sonnenstrahlen.
Die Zeit geht schnell um. Es ist schon kurz vor 13 Uhr. Die Geschichte dieses Ortes ist packend, erschreckend und gut erzählt. Das Schicksal unseres Führers steht exemplarisch für fast alle, die dort viele Jahre ihres Lebens verbracht haben, weil sie gegen ein ungerechtes System protestiert haben – auf ganz unterschiedliche Arten. Viele von ihnen sitzen heute in der Regierung Südafrikas. Ein Grund dafür ist auch eines der Prinzipien der Insassen. "Each one – teach one!" Die Intellektuellen haben den anderen beigebracht, zu lesen, zu schreiben und politische Theorien zu verstehen. Die Fähre fährt pünktlich. Sie ist vollbesetzt. Kapstadt liegt inzwischen nicht mehr im Nebel. Bye, bye, Robben Island.