Wildunfälle sind nicht selten in Namibia. Die Straßen führen quer durch die Landschaft und mitten durch die Wildnis. Besonders im Dunkeln ist das Wild aktiv, Kudus oder Warzenschweine laufen über die Straße. Es ist kurz nach 1 Uhr in der Nacht. Vollmond. Wir sind unterwegs auf der Landstraße von Okakara in Richtung Osten. Plötzlich werde ich aus dem Halbschlaf gerissen. Der Fahrer macht eine Vollbremsung, es gibt einen heftigen Schlag auf die Frontscheibe. Dann Stille. Ein Kudu ist über die Straße gelaufen und – glücklicherweise – noch rechtzeitig gesprungen und hat deshalb nur der Scheibe einen großen Sprung verpasst. Ein zweites Kudu wartet eingeschüchtert auf der anderen Straßenseite.
Das Ziel ist Okotjitundu, ein Hererodorf. Dave, ein Techniker aus dem Hauptschaltraum der NBC hat Maike, die andere NBC-Praktikantin, und mich eingeladen, mit in sein Heimatdorf zu kommen. In Zusammenarbeit mit einer nicht-Regierungsorganisation hat er dort ein Fest organisiert, bei dem vor allem die jungen Bewohner über Aids-Prävention aufgeklärt werden sollen.
Es ist kurz nach drei als das Auto die Farm erreicht, auf der wir übernachten werden. Es ist extrem kalt; vielleicht etwa so drei oder vier Grad Celsius. Ich fröstele etwas in meiner Winterjacke. Glücklicherweise haben unsere Gastgeber vorgesorgt und schon ein Zelt aufgestellt, in dem wir schlafen können. Als wir in die Schlafsäcke klettern, fängt bereits der erste schlafgestörte Hahn an, zu krähen.
Nur knapp vier Stunden später heißt es schon wieder aufstehen. Die Sonne scheint bereits und es ist wieder angenehmer von der Temperatur her. In der Mitte des etwa handballfeldgroßen Grundstücks ist eine Feuerstelle. Rechts neben unserem Zelt steht eine kleine, grüne Hütte. Sie ist vielleicht 20 Quadratmeter groß. Dort wohnt Dave am Wochenende zusammen mit seiner Frau. Drinnen ist nur Platz für ein großes Bett, eine einfache Küchenzeile und einen Spiegel. Das Dach ist aus Wellblech.
Zusammen mit meinem Gastgeber mache ich einen kleinen Rundgang durch die Nachbarschaft. Schafe und Ziegen warten eingezäunt darauf, dass sie endlich wieder frei im Gelände herumlaufen dürfen. Von hinten kommen fünf Jungs aus einem Nachbardorf angeritten. Sie wollen unbedingt, dass ich Fotos von ihnen mache. Auch die Nachbarn von Dave fangen an, zu strahlen, als sie die Kamera sehen. Sie sind gerade dabei, auf traditionelle Herero-Weise, Bratfett herzustellen.
In ganz Namibia wohnen laut “Lonely Planet” etwa 180.000 Hereros, in Okotjitundu (was ungefähr so was heißt wie “Termitenhügel”, denn in der Gegend gibt es wirklich eine Menge von diesen Tieren) leben rund 200 von ihnen. Viele von ihnen arbeiten in Windhoek und sind nur am Wochenende und in den Ferien in ihrem Heimatdorf. Einige arbeiten allerdings auch als Farmer in “Oschitundu”, wie das Dorf auch sprachökonomisch heißt.
Auf dem Festplatz riecht es nach brennender Holzkohle. Es gibt Frühstück: frisch gegrilltes Kudufleisch. Als Beilage gibt es süße Brötchen. Auf dem Platz stehen ein paar Zelte. Ein Fussballfeld ist abgesteckt und ein Netzball-Feld vorbereitet. Rundherum stehen ein paar vereinzelte Bäume. Inzwischen brennt die Sonne und es ist warm. Mindestens 20 Grad mehr als noch in der Nacht.
Schon in Windhoek ist es für einen Deutschen ein ungewohntes Gefühl, durch die Straßen zu gehen, und als Weißer in der Minderheit zu sein. In Okotjitundu sind Maike und ich die einzigen. Einige Bewohner erzählen uns, dass sie noch nie Besuch von Menschen mit weißer Hautfarbe gehabt haben, einer erzählt sogar, er habe noch nie mit einer weißen Frau gesprochen.
Gegen Mittag beginnen acht Männer damit, eine Kuh zu schlachten – ganz den alten Traditionen entsprechend. Das Tier wird dazu an den Beinen gefesselt und anschließend erstickt. Das dauert ein paar Minuten. Minuten, in denen das Tier noch mehrfach zuckt und versucht, sich von der Umklammerung zu befreien. Anschließend wird die Kehle durchgeschnitten und die Haut abgezogen. Das Fleisch wird auf extra mitgebrachtem Laubästen gelagert, damit es nicht im Sand liegt. Das gehört auch zur Tradition. Später wird alles in kleinere Stücke geschnitten und in großen, gusseisernen Töpfen auf offenem Feuer gekocht.
Während die acht Farmer mit der Kuh beschäftigt sind, beginnt in einem der Zelte das offizielle Programm. Lokale Behördenvertreter und Lehrer halten Vorträge über Aids, über die Gefahren und die Vorbeugung. Sie sprechen Oshi-Herero. Die Menschen sitzen geduldig da und hören zu. Am Ende werden bei einem kleinen Quiz mit einfachen Fragen Kondome verschenkt. Zum Abschluss holt der Bürgermeister Maike und mich nach vorne. Wir haben Schulmaterialien mitgebracht. Sie sind für die San bestimmt, ein anderer Stamm in Namibia. Einige von ihnen wohnen in der direkten Nachbarschaft des Dorfes. Für sie soll in einer Woche eine neue Schule eröffnet werden.
Außerdem haben wir Süßigkeiten mitgebracht: Bonbons in verschiedenen Farben und Kaugummis. Wie eine hungrige Meute scharen sich die Kinder um uns. Nach nicht einmal fünf Minuten sind alle Tüten leer.
Am späten Nachmittag, nachdem sich die Jugendlichen auf den Spielfeldern in verschiedenen Sportfeldern gemessen haben (die Jungen beim Fußball, die Mädchen beim Netzball) gibt es wieder Essen. Frisch gekochtes Kuhfleisch dazu Milibab, den traditionellen Maisbrei, den es fast überall in Namibia als Beilage gibt.
Nachdem es dunkel geworden ist, werden Lagerfeuer entzündet. Aus den Lautsprechern der geparkten Autos dröhnt Musik. Es ist moderne Herero-Musik. „Wild Dogs“ heißt eine der Musikgruppen, die hier besonders beliebt ist. Einige Titel laufen in der Hot-Rotation. Es wird getanzt – modern-traditionell, im Rhythmus der Musik, als würde man mit einem Spaten ein Loch in den Boden graben. Die Menschen sind insgesamt sehr aufgeschlossen. Nicht nur, dass sie unbedingt fast alle fotografiert werden wollen. Viele sind auch einfach neugierig, fragen, wo wir herkommen, was wir in Namibia machen, wie wir das Land finden und das Fest. Die meisten sprechen Englisch, die Amtssprache in Namibia, einige sprechen sogar Deutsch, nur mit wenigen müssen Hände, Füße und Gesten aushelfen. Einige Jugendliche erzählen uns, dass sie es schön finden, dass wir zu Besuch sind, dass es sie freut, dass wir uns wohl fühlen.
Es ist nicht einmal 21 Uhr, als Maike und ich erschöpft ins Zelt fallen. Die Nacht ist nicht ganz so kalt wie die vorangegangene. Im Schlafsack ist es warm. Am nächsten Morgen werde ich von der Sonne geweckt. Sie strahlt intensiv auf das Zelt, deswegen ist es schnell sehr warm. Während wir die Sachen zusammenpacken, fängt es an, zu regnen. Gegen Mittag holt uns der Golf, mit dem wir hergekommen sind, ab. Der Fahrer sagt, er wolle schnell und direkt und ohne Pause nach Windhoek fahren. In drei Stunden, gegen 15 Uhr, so sagt er, würden wir wieder in Windhoek sein.
Da wir auf dem Weg allerdings doch noch immer wieder Leute treffen, plötzlich noch dies und das zu regeln ist und dann doch noch eine weitere Pause gemacht werden muss, kommen wir erst gegen 18 Uhr erschöpft und voll mit neuen Eindrücken und Bildern im Kopf in Windhoek an. The African Way of Life.