Archive for the 'Leben' Category

Rückkehrer

Posted by Julian Kanth on Jul 19 2007 | La vie parisienne, Leben

Sacré CoeurAus Gewohnheit müsste dieser abschließende Text eigentlich beginnen mit der Feststellung „ach, wie schnell die Zeit vergeht!“. Eigentlich hätte ich auch so angefangen, aber mir ist in Paris und erst recht seit ich wieder in Deutschland bin eines klar geworden: Zeitwahrnehmung ist relativ – eine für mich wahrlich revolutionäre Erkenntnis, die ich erklären möchte.

Die 4,5 Monate in Paris sind in meiner Wahrnehmung recht langsam vergangenen. Das soll jetzt nicht heißen, dass sie sich hingezogen hätten. Es ist aber so, dass ich einfach viel Freiraum hatte, viel Zeit, um nachzudenken, Sachen zu entwickeln, sprich: ich hatte viel Zeit für mich. Das hat mir gut getan und allein schon dieser letzte Fakt lässt mich zufrieden zurückschauen auf Paris.

Die bald vier Wochen, die ich nun schon wieder in Halle bin, sind dagegen wie im Fluge vergangen. Ganz anders also, ich weiß gar nicht, wo die Zeit geblieben ist. Das wird allein schon daran deutlich, dass es so lange gedauert hat, endlich diesen Text zu schreiben. Der Alltag hat mich wieder. Und auch das genieße ich sehr.

Viel hat sich nicht geändert in meiner Umgebung, so dass der Übergang sehr leicht und fließend war. Zwischendurch denke ich immer wieder zurück und bin ein wenig traurig, dass ich in den letzten Tagen dort nicht mehr die Dinge geschafft habe, die ich mir noch vorgenommen hatte. Während der Rückfahrt mich dem Zug hatte ich gar das Gefühl, nicht richtig Abschied genommen zu haben. Immerhin sorgt das allerdings für den Ansporn, bald zurückzukehren und die „To-Do-Liste“ noch abzuarbeiten.

Eiffel-Turm am AbendZum Abschiednehmen gehört natürlich auch noch einiges an Bürokratie: Für das Erasmus-Büro musste ich einen Erfahrungsbericht schreiben. Mit viel Spaß und vielen Erinnerungen im Kopf habe ich so immerhin neun Seiten vollgeschrieben. Anschließend musste ich noch einen Brief an die Agence Imagine-R schreiben. Theoretisch geht es nämlich, wie ich erfahren habe, dass man seine Jahres-Semesterkarte kündigen kann. Die Antwort steht noch aus. Mal schauen. Außerdem steht mir nun noch bevor, meine Fotos aus den ganzen Monaten zu sortieren und nach und nach zu einem Fotoalbum zu verarbeiten. Das wird noch einige Arbeit, insbesondere weil ich mich von vielen Bildern trennen muss, um die Auswahl erträglich (für die, die sich das Ganze anschauen müssen) zu halten.

Doch bevor ich das angehe, muss ich mich noch um die Pläne für das nächste Jahr kümmern. Die erste Bewerbung habe ich schon im vergangenen Jahr abgeschickt, deshalb stehen zwei Monate schon fest – vier möchte ich allerdings insgesamt wieder aus Deutschland verschwinden.

Denn eines steht für mich inzwischen fest: Diesen Lebensstil mit einem Semester studieren und arbeiten, einem Semester Ausland, einem Semester studieren und arbeiten, einem Semester…. würde ich gerne noch fortsetzen!

no comments for now

Erinnerungsstücke

Posted by Julian Kanth on Jul 01 2007 | La vie parisienne, Leben

Fünf Monate Paris, kompakt zusammengefasst in 44 Fotos.

 

no comments for now

Fête de la musique

Posted by Julian Kanth on Jun 24 2007 | La vie parisienne, Leben

Straßenband in Saint German de PrèsParis gilt als eine der meistbesuchten Städte der Welt. Das spürt man im täglichen Leben. Und wenn man mehrere Monate bleibt, kann man genau beobachten, wie Touristenschwärme in die Straßen einfallen und wieder verschwinden. Einige Wochen wirkt die Stadt leer und plötzlich, wenn Ferienzeiten sind, wird es eng und die Métros (insbesondere die Linien 1 und 2) sind zum Bersten gefüllt. Paris ist also manchmal voll und manchmal weniger voll, den Unterschied machen jeweils die Touristen. Das war die Logik, die ich verstanden zu haben glaubte.

Am Donnerstag habe ich noch einen neuen Effekt kennengelernt: den „Fête de la musique“-Effekt. Denn wenn Fête ist, ist die Stadt auch voll, richtig voll, aber nur mit Parisern (und natürlich einigen Touristen, die zufällig da sind). Die „Fête de la musique“ wird inzwischen seit über 20 Jahren gefeiert und übrigens nicht nur in Paris, sondern auch in vielen anderen Städten weltweit. Die Idee ist, dass in der ganzen Stadt kostenlose Konzerte stattfinden: in Cafés, Bars, auf Bühnen oder einfach am Straßenrand – so sollen vor allem Nachwuchsmusiker gefördert werden.

Bongo-Musik vor Notre Dame de ParisParis verwandelt sich am Abend der Fête in ein einziges Festivalgelände. Durch die ganze Stadt schalt Musik. Von Rock, über französische Chansons bis zu Streicher-Trios: einmal um die nächste Straßenecke gehen reicht aus, damit sich das Klangbild komplett ändert. Und so kann man an diesem Abend einfach von Straßenecke zu Straßenecke gehen und die Stimmung genießen. Zwar gibt es auch ein offizielles gedrucktes Programm. Das ist aber so umfangreich, dass es viel Zeit kostet, um konkrete Programmpunkte und Konzerte auszuwählen.

Und durch die lange Tradition scheint das Fest inzwischen sehr populär geworden zu sein. Am Donnerstag jedenfalls war gefühlt wirklich die ganze Stadt – oder sagen wir zumindest die gesamte Jugend der Stadt – auf der Straße.

Auch ich habe mich treiben lassen, zum Abschied von Paris, zusammen mit ein paar Freunden. Wir sind hängen geblieben im Jüdischen Kunstmuseum. Dort hat eine Band moderne und gut tanzbare Klezmer-Musik gespielt. Danach haben wir noch an der Bastille vorbeigeschaut. Das war aber schon kurz vor Mitternacht, so dass auf der Hauptbühne nichts mehr los war und vor allem tausende von betrunkenen Jugendlichen durch die Straßen torkelten, die vermutlich vorher zu Songs von „Tokio Hotel“, die an diesem Abend in Paris aufgetreten sind, mitgegrölt hatten.

Klezmer im Jüdischen KunstmuseumWeil die „Fête“ so ein großes und etabliertes événement ist, hatte auch die Nahverkehrsverwaltung RATP versprochen, dass die Métros die Nacht durchfahren. Das war zumindest das Gerücht, dass sich hartnäckig verbreitet hat. In Wirklichkeit gab es ein paar Einschränkungen: Die Hauptlinien der RER sind durchgefahren, und einige zentrale (aber nicht alle!) Métro-Linien ratterten durch die Nacht – aber selbst die aktiven Linien haben nicht alle ihre Stationen bedient. So hat die Heimfahrt mitten in der Nacht im Endeffekt doch etwas länger gedauert als erhofft.

Trotzdem habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, mir meinen Terminplan für das nächste Jahr so zu basteln, dass ich wieder am 21. Juni in Paris werde sein können. Vielleicht war diese Idee aber auch nur wieder einer der Reflexe, um den Abschied zu erleichtern.

no comments for now

Abendstimmung im Montmartre

Posted by Julian Kanth on Jun 14 2007 | La vie parisienne, Leben

Es gibt viele Menschen, die verachten Orte, die von Touristen überrannt werden. Das hängt mit Sicherheit auch damit zusammen, dass viele Orte durch Menschenmassen an Reiz verlieren. Das Montmartre, das (frühere) Künstlerviertel von Paris, würde ich von dieser Regel ausnehmen. Egal zu welcher Tageszeit man dort durch die engen Straßen geht, trifft man auf Menschen aus aller Herren Länder, die mit eindrucksvollen Kameras bewaffnet sind und sich den steilen Hügel hinauf schleppen zur Kirche Sacré Cœur.

Treppe voller Menschen mit ChorIch gehe besonders abends gerne ins Montmartre, wenn ich noch Lust habe, ein bisschen spazieren oder einfach unter Leute zu gehen. Von mir zu Hause aus sind es bis dort vier Stationen mit der Métro (Place de Clichy) oder zu Fuß direkt bis hinauf auf den Hügel knapp 40 Minuten.

Von dort oben hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt. Gerade wenn es dunkel ist, offenbart sich ein mitreißender Blick auf „die Stadt der Lichter“. Und es ist eben immer was los: Die Treppe vor der Kirche ist abends ein beliebter Treffpunkt um sich – wie man in Südafrika sagt – einen „Sundowner“ zu gönnen. Und wer das Bier vergessen hat, dem wird von Verkäufern, die sich regelmäßig mit großen Plastiktüten durch die Menge quälen, zu beeindruckenden Preisen ausgeholfen. Manchmal endet das Ganze im Laufe des Abends schlicht in einem Besäufnis.

Treppe vor Sacré CoeurDann wird es meistens etwas laut, denn für die passende Beschallung zum Sundowner-Besäufnis sorgen Musiker, die mit Gitarre, Mikrofon und Lautsprecher ausgestattet die Klassiker der Popmusik spielen. Je später der Abend, desto mehr wird zu „La Bamba“, „I shot the Sheriff“ oder „Aisha“ mitgegrölt oder zu „Your Song“ und Bob Marleys unvermeidlichem „No woman no cry“ gekuschelt. Es ist dann auch nicht so schlimm, dass die Musiker nicht immer die richtigen Töne treffen. Für sie scheint es jedenfalls eine ganz einträgliche Geldquelle zu sein. Die meisten von ihnen sehe ich dort fast jedes Mal. Und auch den Spruch „I don’t like money, I need it“ habe ich inzwischen schon fast zu oft gehört; denn die meisten Besucher, die abends vor Sacré Cœur sitzen, kommen im Gegensatz zu mir nur einmal.

Auch weiter unten auf dem Boulevard de Clichy, der am Fuße von Sacré Cœur liegt, ist spät abends ist noch viel Leben. Es ist dort ein bisschen wie auf der Reeperbahn in Hamburg. Das Montmartre ist eben auch so ein typisches Weggehviertel, wenn man ein bisschen mehr Geld ausgeben möchte. Schrille Leuchtreklamen schreien nach Aufmerksamkeit und gestylte Jugendliche und in Schale geschmissene Erwachsene präsentieren sich wie auf einem Laufsteg.

Boulevard de ClichyDa bilden sich scheinbar endlose Schlangen vor – wie man so schön sagt – „angesagten Locations“ wie dem „La Loco“ oder dem „La Cigalle“ und manchmal auch vor dem Klassiker, dem „Moulin Rouge“. Und wer dort nicht in der Schlange steht, der wird garantiert von einem der zahlreichen penetranten Bauernfänger angesprochen, die einen in ihre „Tanzlokale“ oder „Etablissements“ mit so eindeutigen Namen wie „Sexodrome“ locken wollen.

Im Endeffekt ist mir das Montmartre aber zu teuer, und außer bei McDonald’s habe ich abends dort noch kein Geld gelassen. Denn das ist auch einer der Nebeneffekte, wenn viele Touristen da sind: die Preise steigen ins Unermessliche.

no comments for now

The old Stuttgart-Rap

Posted by Julian Kanth on Mai 31 2007 | La vie parisienne, Leben

Fanta4 in Paris (Foto 3)„Qui est français?“, fragt der Mann auf der Bühne. Und eigentlich ist diese Frage etwas komisch, schließlich stellt er sie auf einer Bühne mitten in Frankreich. Und doch ist die Antwort dann – für mich- überraschend lautstark, die da aus dem Publikum zurück schallt. Denn der Mann, der diese Frage mitten in Paris – immerhin auf Französisch – stellt, ist Smudo, und die Band, die im „Le Trabendo“ im Nordosten der französischen Hauptstadt mit ihm auftritt, die Fantastischen Vier.

Es ist einer dieser Momente, in denen sich offenbar ein großer Teil der deutschen Erasmus-Gemeinde in Paris trifft. Es ist ein eher intimes Konzert an diesem Abend. Von den, wie es heißt, etwa 200 Eintrittskarten gibt es noch einige an der Abendkasse. Als die Band auf die Bühne tritt, ist der Club aber so gut gefüllt, dass es auf der Tanzfläche manchmal ein bisschen eng wird, aber auch trotzdem noch genug Platz zum Tanzen da ist – ideale Voraussetzungen also für einen stimmungsvollen Abend.

Bühnenshow, Fantastische Vier, ParisDie Vier, verstärkt um noch einmal drei Musiker, spielen an diesem Abend einige Stücke von ihrem neuen Album „Fornika“, von dem ich zugegebenermaßen noch nicht ein einziges bis heute kannte, unter anderem auch den etwas düsteren Titelsong „Fornika“. Richtig gerockt wird allerdings mehr bei den alten und schon lange bekannten Stücken wie „Sie ist weg“, „Le Smou“, „Der Picknicker“ oder „Geboren“. Die Titel moderiert vor allem Thomas D. an im Zusammenspiel mit Smudo, der so gut es geht ins Französische übersetzt – und wo es hapert, hilft das Publikum per Zufruf aus. Einmal kapituliert er allerdings, und fordert die Deutschen im Saal auf: „Übersetzt das mal für eure französischen Freunde“.

Nach gut eineinhalb Stunden verabschiedet sich die Band mit dem Klassiker „Tag am Meer“. Mit lautstarken „Zugabe, Zugabe“-Rufen, in die auch die Franzosen nach und nach einstimmen, lassen sich die Vier allerdings doch noch einmal überzeugen. Dass das deutsch-französische Publikum in Paris textsicher ist, wird bei den anschließenden Titeln klar, bei „Troy“ und „Wir ernten was wir säen“.

Fanta4 in ParisDanach wollen sie sich dann endgültig verabschieden, sagen, dass es ihnen gefallen hat und verlassen die Bühne. Die Techniker beginnen direkt damit, die Mikrofone abzubauen. Ein paar Hartgesottene skandieren aber weiter „Les Quatres Fantastiques, Les Quatres Fantastques“ (übrigens scheint sich die französische Version des Bandnamens tatsächlich gut als Schlachtruf zu eignen). Und schließlich gibt der Tourmanager den Technikern ein Zeichen, Daumen nach oben, und die Band betritt wieder die Bühne. „Eigentlich wären wir selbst bei 5.000 Zuschauern jetzt nicht noch einmal rausgekommen … Aber einen spielen wir noch.“

Und so geht das Konzert nach über zwei Stunden mit zwei Zugaben zu Ende. Fazit: 22 Euro Eintritt, die sich gelohnt haben, schließlich gibt es nur selten (in Deutschland) Gelegenheit, den "deutschen Sprechgesang" der Fantas mal in so kleinem Rahmen zu sehen. Und auch die deutsch-französische Studentenfangemeinde hat bewiesen, dass sie es es vortrefflich versteht, gemeinsam zu feiern! Ein großartiges Konzert!

(Sorry, leider keine guten Bilder wegen schlechter Handy-Kamera!) 

Nachtrag 11.6.: Bei Enno gibt es schönere Fotos! 

2 comments for now

Next »