Südfrankreich gehört mit Sicherheit zu einer der sonnenverwöhntesten Regionen Europas. Die Menschen sind entspannt, es riecht abwechselnd nach den Kräutern der Provence und frischem Fisch und auf den Feldern reifen die Trauben für erlesene Weine – das versprechen zumindest die Reiseführer und Millionen von Touristen bestätigen das jedes Jahr. Was kann man da falsch machen? Auf in den Urlaub!
Es ist Dienstagmorgen, ziemlich früh, kurz vor sechs. Es ist noch dunkel und
die Luft ist frisch. Am Gare de Lyon stehen auch um diese Zeit schon einige Menschen in der Wartehalle, um die ersten Expresszüge des Tages in Richtung Süden zu nehmen. Anders als in Deutschland schreibt die französische Eisenbahngesellschaft SNCF die Gleise, an denen die Züge abfahren, nicht sofort mit auf die Anzeigetafel, sondern erst kurz vor der Abfahrt. Etwas Zeit also zu frühstücken. Typisch französisch, „un croissant et un café, s’il vous plaît“.
Der TGV nach Montpellier fährt an diesem Morgen von Gleis A. Er scheint ausgebucht, alle Plätze sind besetzt. Pünktlich um 6.24 Uhr gleitet er elegant aus dem Bahnhof und an den Vororten von Paris vorbei, danach gewinnt er an Fahrt und die Landschaft rauscht vorbei. Die Sonne geht auf, es wird ein schöner Tag. Als ich nach einem kleinen Nickerchen wieder aufwache, hat sich die Welt vor dem Zugfenster verändert. Es ist grau und diesig. Der Wetterbericht hatte offenbar doch recht. Regen im Süden, sommerliche Temperaturen im Norden und Osten des Landes.
Nach dreieinhalb Stunden Fahrt und nur zwei Zwischenhalten erreicht der TGV Montpellier. Es ist
noch nicht 10 Uhr, die Stadt wirkt aber sehr leer. Nur wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs, nur vereinzelt fahren Autos vorbei. Paris scheint meinen Maßstab verändert zu haben. Denn egal wen ich darauf anspreche, erwidert mir, er finde Montpellier sehr lebhaft. Ich habe genau den gegenteiligen Eindruck. Es scheint sich allerdings gerade sehr viel zu verändern. Innerhalb relativ kurzer Zeit sind zwei neue Straßenbahnlinien gebaut worden und zahlreiche neue Gebäude und gigantische Einkaufszentren aus dem Boden gestampft worden. Montpellier will sich herausputzen, wahrscheinlich um mehr Touristen anzulocken.
Einige Kilometer außerhalb von Montpellier liegt der Strand von Palavas-les-Flots. Immerhin scheint die Sonne etwas, so dass es angenehm ist, sich im rauen Sand etwas auszuruhen. Hinter der Uferpromenade stehen Häuser, die darauf schließen lassen, dass es hier im Sommer sehr voll ist. Die Ferienbungalows versprühen allerdings einen Charme, der auf eine starke Expansion des Ortes in den 1970er Jahren vermuten lässt, architektonisch nicht sehr attraktiv.
Mit einem gemächlichen Regionalzug geht die Tour nach zwei Nächten in der Jugendherberge weiter nach Nîmes, eine Stadt, die viel von ihrem römischen Erbe bewahrt hat. Nicht weit
entfernt vom Bahnhof steht ein gigantisches Amphitheater, das etwa 100 Jahre nach Christus erbaut wurde und auch heute noch gut erhalten ist. Die Stadt brüstet sich, die Arena sei die besterhaltene dieser Größe. In der Tat ist es imposant durch die intakten Gänge zu flanieren und sich dabei vorzustellen, dass schon vor hunderten von Jahren Menschen durch sie gelaufen sind – teils mit Todesangst, weil sie unter dem Applaus des Publikums wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden sollten, teils mit dem Gefühl, in den robusten Mauern vor Angreifern geschützt zu sein. Denn die Arena gehörte im Mittelalter auch zur Stadtbefestigung.
Von Nîmes aus dauert es gut 1,5 Stunden bis nach Marseille, die Hauptstadt der Provence und der größte Hafen Frankreichs. Marseille ist die zweitgrößte Stadt des Landes und ist in Bezug auf seine Lebendigkeit schon fast mit Paris vergleichbar. Auch hier wird viel gebaut – rund um den Bahnhof und in der Innenstadt. Die Straßen sind eng, die Bevölkerung multikulturell. Im „Vieux Port“ (dem alten Hafen) liegen hunderte von schicken Yachten und Segelbooten, viele
Restaurants bieten frische Muscheln mit Pommes Frites zu vergleichsweise günstigen Preisen an. Die Jugendherberge liegt ein ganzes Stück außerhalb des Stadtkerns. Mit Métro und Bus dauert es gut 45 Minuten. Die Herberge ist ein Flachdachbau, der von außen Erinnerungen an Halle-Neustadt aufflackern lässt. Drinnen ist es aber tatsächlich gemütlich, die Zimmer haben eigene Duschen und sind frisch renoviert. Und die Jugendherberge hat noch einen Vorteil: Sie ist nur noch einen Steinwurf vom Strand entfernt. Er ist kiesbedeckt und wenn es nicht regnet, ist es bestimmt schön hier. Über der Stadt auf einem der Ausläufer des Zentralmassivs liegt die Kathedrale von Notre Dame. Marseille liegt einem von hier oben zu Füßen und man hat einen eindrucksvollen Ausblick auf die Landschaft und das Meer.
Am Samstagabend, nachdem wieder mal eine kleine Regenwolke durchgezogen und es wieder eher Jackentemperatur ist, rauscht der TGV wieder aus Marseille in Richtung Paris ab. Um kurz nach halb Zwölf gleitet der Zug in den Gare de Lyon. Es ist spät am Abend, aber es ist noch immer schwül-warm. In Südfrankreich regnet es.
Mehr Fotos.