Archive for April, 2007

Im Zentrum der Revolution

Posted by Julian Kanth on Apr 26 2007 | La vie parisienne, Snapped, Studieren

„Sarkozy: pourquoi il est dangereux“ steht auf einem Flugblatt, dass ich heute Vormittag an der RER-Haltestelle der Uni in die Hand gedrückt bekommen habe. Fast jeden Tag stehen Studenten an der Rampe zur RER und verteilen Zettel, manchmal Werbung meistens aber mit politischen Manifesten oder Einladungen zu Solidaritätskundgebungen. Ein paar Schritte weiter am Eingang zum Campus hängt ein handgemaltes Banner: Das „Festival antifasciste“ wird darauf angekündigt.

Solidaritäts-AufrufWenn man sich im französischen Wikipedia anschaut, welche politischen Gruppen es an der Uni in Nanterre gibt, verschwinden jegliche Zweifel an der politischen Ausrichtung der Studentenschaft: Das Spektrum reicht von den „jeunes communiste Révolutionaire“, über die „Parti comuniste marxiste-léniniste de France“ bis zur „Parti Communiste“.

Auch wenn man in der Vergangenheit schaut, werden die revolutionären Wurzeln der Universität Nanterre deutlich: Im Frühjahr 1968 besetzten Studenten verschiedener politischer Richtungen Verwaltungsgebäude und Wohnheime in Nanterre. Die Proteste – bei denen es zunächst unter anderem um hochschulpolitische Ziele ging – weiteten sich in den darauffolgenden Wochen aus und erfassten schließlich ganz Frankreich und mündeten in einem wochenlangen Generalstreik.

Neben heute prominenten linken Politikern wie Daniel Cohn-Bendit, Oliver Besancenot (Präsidentschaftskandidat der kommunistischen Partei) oder auch Philosophen wie Jean Baudrillard und Étienne Balibar hat auch der rechts-konservative Präsidentschaftsanwärter Nicolas Sarkozy ein paar Jahre seines Lebens an „Nanterre la rouge“ verbracht.

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Ségo und Sarko

Posted by Julian Kanth on Apr 22 2007 | La vie parisienne, Leben

Für mich war am Anfang alles neu. Französische Innenpolitik oder Wahlkämpfe in Frankreich haben ich mich bis vor kurzem fast gar nicht interessiert. Das hat sich in den vergangenen Tagen gewaltig geändert. Paris als Hauptstadt hat es mir schwer gemacht, den Wahlkampf um das Präsidentenamt zu ignorieren.

Aufkleber der Parti SocialisteDeshalb habe ich – ohne wirklich viel aktiv dafür zu tun – einiges gelernt. Das fängt an bei der Beobachtung der Umfrageergebnisse. Während ich aus Deutschland hauptsächlich die Namen Ségolène Royal (Parti Socialiste) und Nicolas Sarkozy (UMP) und nach einigem Nachdenken vielleicht noch Jean-Marie Le Pen (Front National) kannte, habe ich noch einen vierten Namen gelernt: Francois Bayrou. Mit seiner Wahlkampagne und seiner Positionierung hat er etwas für Frankreich ungewöhnliches gemacht: Er hat sich in der Mitte positioniert. Deshalb wurde er in den Umfragen zum „Unsicherheitsfaktor“, genau wie übrigens Le Pen lange Zeit auch.

Dadurch ging wochenlang alles ein bisschen hin und her. Mal lag Bayrou an zweiter Stelle, mal die Sozialistin Ségolène Royal – klar schien lediglich, das Sarkozy gute Chancen hat und das es mit großer Sicherheit eine Stichwahl geben wird; wie übrigens bisher immer in der 5. Republik.

Auch der Wahlkampf war intensiv und präsent: An jeder Straßenecke und Métro-Station verteilten meist junge Parteimitglieder Flyer, die Parteien organisierten gigantische Wahlkampfveranstaltungen und durch all diese Eindrücke habe auch ich viel bewusster die Zeitungen, das Fernsehen und das Internet gesichtet auf der Suche nach Informationen über den Präsidentschaftswahlkampf.

Versammlung von Bayrou-AnhängernAuch die Kandidaten für sich habe ich viel bewusster angeschaut. Vergangene Woche zum Beispiel war ich bei einer großen Kundgebung von Francois Bayrou. Fast 17.000 Anhänger waren dorthin gekommen, viele in orangefarbenen T-Shirts, der Farbe ihres Kandidaten. Mit knapp zwei Stunden Verspätung zelebrierte Bayrou seinen Einzug in die Halle. Das Licht wurde abgeschaltet und ein kämpferisches Wahlkampfvideo mit stimmungsvoller Musik auf die Leinwände gelegt. Anschließend marschierte er mitten durch die Menge; perfekte professionelle Inszenierung für die Fernsehkameras. Auch das Ende einer Kundgebung des links-alternativen José Bové habe ich gesehen. In Marseille hatte er auf einem Platz zu seinen Anhängern gesprochen. Dazu gab es lateinamerikanische Musik.

Fast ein bisschen enttäuscht bin ich von der Art, wie die Kandidaten ihre Reden halten. Zum Beispiel die ersten Reaktionen von Sarkozy und Royal auf das Wahlergebnis heute Abend: beide wirkten fast steif und ein wenig angestrengt wie sie dort vor ihren Anhängern standen und ihre vorgefertigten Reden vom Blatt ablasen.

WahlplakateTrotzdem scheinen die von ihrer Persönlichkeit her mitunter sehr unterschiedlichen Kandidaten nicht nur mich neugierig gemacht, sondern auch viele wahlberechtigte Menschen in Frankreich mobilisiert zu haben. Am Ende lag die Wahlbeteiligung bei über 85 Prozent, rund 30 Prozentpunkten mehr als bei der Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren. Die nächsten zwei Wochen bleiben also spannend. Am 6. Mai müssen sich Frankreichs Wähler zum Teil neu entscheiden. Ob La Gauche und „Tout sauf Sarkozy“ (alles, außer Sarkozy) für Ségolène Royal reicht?

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“Kinder, was war das schön”

Posted by Julian Kanth on Apr 17 2007 | La vie parisienne, Reisen

Südfrankreich gehört mit Sicherheit zu einer der sonnenverwöhntesten Regionen Europas. Die Menschen sind entspannt, es riecht abwechselnd nach den Kräutern der Provence und frischem Fisch und auf den Feldern reifen die Trauben für erlesene Weine – das versprechen zumindest die Reiseführer und Millionen von Touristen bestätigen das jedes Jahr. Was kann man da falsch machen? Auf in den Urlaub! 

Es ist Dienstagmorgen, ziemlich früh, kurz vor sechs. Es ist noch dunkel und Strand in Palavas-les-Flotsdie Luft ist frisch. Am Gare de Lyon stehen auch um diese Zeit schon einige Menschen in der Wartehalle, um die ersten Expresszüge des Tages in Richtung Süden zu nehmen. Anders als in Deutschland schreibt die französische Eisenbahngesellschaft SNCF die Gleise, an denen die Züge abfahren, nicht sofort mit auf die Anzeigetafel, sondern erst kurz vor der Abfahrt. Etwas Zeit also zu frühstücken. Typisch französisch, „un croissant et un café, s’il vous plaît“.

Der TGV nach Montpellier fährt an diesem Morgen von Gleis A. Er scheint ausgebucht, alle Plätze sind besetzt. Pünktlich um 6.24 Uhr gleitet er elegant aus dem Bahnhof und an den Vororten von Paris vorbei, danach gewinnt er an Fahrt und die Landschaft rauscht vorbei. Die Sonne geht auf, es wird ein schöner Tag. Als ich nach einem kleinen Nickerchen wieder aufwache, hat sich die Welt vor dem Zugfenster verändert. Es ist grau und diesig. Der Wetterbericht hatte offenbar doch recht. Regen im Süden, sommerliche Temperaturen im Norden und Osten des Landes. 

Nach dreieinhalb Stunden Fahrt und nur zwei Zwischenhalten erreicht der TGV Montpellier. Es ist Arena von Nîmesnoch nicht 10 Uhr, die Stadt wirkt aber sehr leer. Nur wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs, nur vereinzelt fahren Autos vorbei. Paris scheint meinen Maßstab verändert zu haben. Denn egal wen ich darauf anspreche, erwidert mir, er finde Montpellier sehr lebhaft. Ich habe genau den gegenteiligen Eindruck. Es scheint sich allerdings gerade sehr viel zu verändern. Innerhalb relativ kurzer Zeit sind zwei neue Straßenbahnlinien gebaut worden und zahlreiche neue Gebäude und gigantische Einkaufszentren aus dem Boden gestampft worden. Montpellier will sich herausputzen, wahrscheinlich um mehr Touristen anzulocken. 

Einige Kilometer außerhalb von Montpellier liegt der Strand von Palavas-les-Flots. Immerhin scheint die Sonne etwas, so dass es angenehm ist, sich im rauen Sand etwas auszuruhen. Hinter der Uferpromenade stehen Häuser, die darauf schließen lassen, dass es hier im Sommer sehr voll ist. Die Ferienbungalows versprühen allerdings einen Charme, der auf eine starke Expansion des Ortes in den 1970er Jahren vermuten lässt, architektonisch nicht sehr attraktiv.

Mit einem gemächlichen Regionalzug geht die Tour nach zwei Nächten in der Jugendherberge weiter nach Nîmes, eine Stadt, die viel von ihrem römischen Erbe bewahrt hat. Nicht weit Innenstadt von Nîmesentfernt vom Bahnhof steht ein gigantisches Amphitheater, das etwa 100 Jahre nach Christus erbaut wurde und auch heute noch gut erhalten ist. Die Stadt brüstet sich, die Arena sei die besterhaltene dieser Größe. In der Tat ist es imposant durch die intakten Gänge zu flanieren und sich dabei vorzustellen, dass schon vor hunderten von Jahren Menschen durch sie gelaufen sind – teils mit Todesangst, weil sie unter dem Applaus des Publikums wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden sollten, teils mit dem Gefühl, in den robusten Mauern vor Angreifern geschützt zu sein. Denn die Arena gehörte im Mittelalter auch zur Stadtbefestigung.

Von Nîmes aus dauert es gut 1,5 Stunden bis nach Marseille, die Hauptstadt der Provence und der größte Hafen Frankreichs. Marseille ist die zweitgrößte Stadt des Landes und ist in Bezug auf seine Lebendigkeit schon fast mit Paris vergleichbar. Auch hier wird viel gebaut – rund um den Bahnhof und in der Innenstadt. Die Straßen sind eng, die Bevölkerung multikulturell. Im „Vieux Port“ (dem alten Hafen) liegen hunderte von schicken Yachten und Segelbooten, viele Blick auf MarseilleRestaurants bieten frische Muscheln mit Pommes Frites zu vergleichsweise günstigen Preisen an. Die Jugendherberge liegt ein ganzes Stück außerhalb des Stadtkerns. Mit Métro und Bus dauert es gut 45 Minuten. Die Herberge ist ein Flachdachbau, der von außen Erinnerungen an Halle-Neustadt aufflackern lässt. Drinnen ist es aber tatsächlich gemütlich, die Zimmer haben eigene Duschen und sind frisch renoviert. Und die Jugendherberge hat noch einen Vorteil: Sie ist nur noch einen Steinwurf vom Strand entfernt. Er ist kiesbedeckt und wenn es nicht regnet, ist es bestimmt schön hier. Über der Stadt auf einem der Ausläufer des Zentralmassivs liegt die Kathedrale von Notre Dame. Marseille liegt einem von hier oben zu Füßen und man hat einen eindrucksvollen Ausblick auf die Landschaft und das Meer.

Am Samstagabend, nachdem wieder mal eine kleine Regenwolke durchgezogen und es wieder eher Jackentemperatur ist, rauscht der TGV wieder aus Marseille in Richtung Paris ab. Um kurz nach halb Zwölf gleitet der Zug in den Gare de Lyon. Es ist spät am Abend, aber es ist noch immer schwül-warm. In Südfrankreich regnet es.

Mehr Fotos. 

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Regen und Meer

Posted by Julian Kanth on Apr 15 2007 | La vie parisienne, Reisen

Wo machen eigentlich die Regenwolken Urlaub? Wirklich interessiert hat mich diese Frage genau genommen nie; und ich habe deshalb auch niemals Energie verschwendet, mir Gedanken über die Antwort zu machen. Durch die vergangenen Tage weiß ich sie jetzt trotzdem – und sie ist denkbar einfach: Die Regenwolken machen dort Urlaub, wo es alle anderen auch machen: in Südfrankreich.

Während wahrscheinlich im kompletten Rest Frankreichs (und Europas) die Sonne geschienen hat, habe ich Montpellier, Nîmes und Marseille bei Regen kennengelernt. Nett war es trotzdem. Und außerdem scheinen die Wolken länger dort Urlaub zu machen als ich. Ein paar Fotos gibt es jetzt schon mal, Kinder, was war das schön

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Wahlkampf

Posted by Julian Kanth on Apr 09 2007 | La vie parisienne, Snapped

Eigentlich dachte ich, er sei schon seit Wochen im Gange. Aber nein, ich musste mich eines Besseren belehren lassen: Der Präsidentschaftswahlkampf hat erst heute offiziell begonnen. Noch zwei Wochen sind es bis zur ersten Wahlrunde. Zeit, auch endlich mal einen Beitrag zu diesem Thema zu liefern:

Gott bestellt Bush, Putin und Chirac ein und verkündet ihnen das Ende der Welt. Bush sagt den Amerikanern: “Die gute Nachricht ist, dass es Gott gibt. Die schlechte, dass das Ende der Welt bevorsteht.” Putin wendet sich an die Russen: “Es gibt zwei schlechte Nachrichten: Gott existiert, und das Ende der Welt steht bevor.” Chirac wendet sich in einer Fernsehansprache an die Franzosen: “Verehrte Landsleute, ich habe zwei gute Nachrichten. Ich bin der erste europäische Staatschef, der von Gott empfangen wurde, und Sarkozy wird niemals Präsident.”

(Abgeschrieben aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 8. April 2007; noch eine Randnotiz: Nicolas Sarkozy hat übrigens auch in Paris-Nanterre studiert).

Die nächsten Tage werde ich die Ferien in der Provence genießen. Vielleicht gibt es hier zwischendurch ein paar Bilder von dort. Mal schauen!

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