Gedankenfetzen
Für manche Gedanken und Erkenntnisse braucht es den richtigen Augenblick, den richtigen Tag, das richtige Wetter oder die richtige Menge Alkohol. Beim Zähneputzen gestern war wohl ein richtiger Augenblick, vielleicht auch der richtige Tag (über das Wetter kann ich nichts sagen, weil ich zu dem Zeitpunkt den Rollladen noch nicht hoch gemacht hatte und den Einfluss von Alkohol kann ich komplett ausschließen). „Normal“ habe ich gedacht und musste dabei zufrieden schmunzeln, was den Vorgang des Zähneputzens nicht unwesentlich erschwerte. Es ist „normal“, in Paris zu sein.
Nun ist es nicht so, dass es vier Monate gebraucht hätte, bis sich endlich bei mir dieses Gefühl einstellt. Gestern, beim Zähneputzen, ist es mir aber bewusst geworden. Denn ich habe die Gedanken ein wenig schweifen lassen. Da sind diese Gewohnheiten, die sich eingestellt haben, die dazu gehören, sich zu Hause zu fühlen. Das viele Métro fahren zum Beispiel, meine Rituale in Bezug auf das Frühstück: die Bäckersfrau begrüßt mich inzwischen immer schon mit einem „Deux?“, ich nicke lächelnd als Antwort und bekomme meine zwei Croissants. Oder die Bar in der Uni in Nanterre, wo ich mir regelmäßig und manchmal mehrmals am Tag für 61 Cent einen Café hole: Über einen der Mitarbeiter habe ich mich in den ersten Tagen immer schrecklich aufgeregt, weil er so langsam arbeitete und immer noch mit jedem ein Schwätzchen hielt; inzwischen halte ich meist selbst ein Schwätzchen mit ihm und lasse die anderen hinter mir warten.
Das Gefühl, das Leben sei „normal“, hat aber auch eine Gefahr: die Langeweile. Und so fühle ich mich manchmal, an manchen Tagen oder in machen Stunden, etwas gesättigt von den Eindrücken. Ich vermute allerdings, dass das mit einer Art „Aufbruchsstimmung“ zusammenhängt, die mich mindestens den ganzen Januar schon in Halle begleitet hat, das Gefühl, dass bald alles schon wieder zu Ende ist und ich das Pariser Leben (und die Pariserinnen) hinter mir lassen muss. Ein erstes Abschiednehmen also.
Am Freitag war der letzte offizielle Unitag in Nanterre. Wir haben zum Abschluss noch einen kleinen Test in dem einen Sprachkurs geschrieben. Abends saß ich zum (vorerst) letzten Mal in einer französischen Vorlesung (wohlgemerkt waren wir zu fünft, nach der Pause zu dritt, und alle Erasmus-Studenten – und das in einer regulären Politikvorlesung; das Klischee vom permanent feiernden Erasmus-Studenten ist damit doch eindeutig widerlegt!?). Und im Laufe des Tages habe ich mich von einigen Begleitern bereits de facto verabschiedet. Zwar besteht noch die Chance, einige von ihnen zu treffen. Allerdings habe ich gleichzeitig am Freitagabend, nachdem ich mich ein wenig über das französische System für pre-paid-Handys aufgeregt habe, beschlossen, meine deutsche Handynummer wieder zu aktivieren und die streikgeplagte Deutsche Telekom wieder etwas zu unterstützen. Und die meisten hier haben logischerweise nur meine französische Nummer.
Das wiederum stellt mich vor eine neue Herausforderung: nicht abheben, weil teuer. Und so bin ich vorhin dann schon einmal reingefallen und – aus Gewohnheit – drangegangen. Eine Versicherungsvertreterin aus Deutschland meldete sich, die mir einen Termin aufschwatzen wollte. Ich habe sie abgewimmelt, etwas ungeschickt, denn ich habe sie darauf verwiesen, mich nach meiner Rückkehr in drei Wochen noch einmal anzurufen. Vielleicht habe ich mich bis dahin aber auch so daran gewöhnt, nicht ans Telefon zu gehen, dass ich effektiv doch meine Ruhe haben werde.
Nächste Woche habe ich noch zwei Prüfungen und dann versuche ich mich noch einmal abzulenken, von dem „normalen“ Leben, den Gewohnheiten und der Aufbruchsstimmung. Ich fahre mit ein paar Freunden Richtung Bordeaux und von dort weiter ans Meer. Ich mag das Wort „Urlaub“ in diesem Zusammenhang nicht verwenden, denn es würde mich in zu große Formulierungsnöte bringen, in Bezug auf die restliche Zeit hier in Paris, die ich nicht in der Uni oder den Bibliotheken verbracht habe. Irgendwie so was wie Urlaub wird es trotzdem wohl werden.
Danach und bis dahin habe ich allerdings noch ein wenig Zeit, es zu genießen, dass das Pariser Leben normal ist. Und das werde ich tun!
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