Mein Wrack und ich

Posted by Julian Kanth on Apr 26 2008 | Leben, Südafrika

Der Verkehr ist auf den ersten Blick ganz schön gruselig: Die Hauptstraßen in Joburg sind zum Teil drei- und vierspurig, manchmal schert unvermittelt vor einem ein Auto aus, um zu überholen und ständig sind wegen der Stromabschaltungen Ampeln an zentralen Kreuzungen ausgefallen. Und rund um die renommierte Johannesburg Art Gallery (die in einem der unsichersten Viertel der Stadt liegt) herrscht auf den Straßen reges Treiben: Es ist schwer, zwischen Fußgängerweg, Straße und Parkflächen zu unterscheiden. Besorgniserregend ist auch die Zahl der Verkehrstoten. Alkohol am Steuer, zu hohe Geschwindigkeit und Fußgänger auf Autobahnen sind häufige Ursachen. Dazu kommt, dass es in dieser Millionenstadt eigentlich keinen relevanten Nahverkehr gibt (um das Bussystem zu verstehen, braucht man wahrscheinlich einen Abschluss in Stadtplanung). Die Minibustaxis sind zwar günstig, viele raten aber von der Benutzung ab.

Mein WrackEine der günstigsten Varianten, um für längere Zeit mobil zu sein, ist „Rent a Wreck“. Der Name ist Programm. Für relativ wenig Geld bekommt man ein Auto, das – sagen wir mal – fahrtüchtig ist. Meines ist rot, auf der Kühlerhaube steht, es sei ein Ford, auf dem Lenkrad dagegen steht was von Mazda. Deshalb kann ich über den genauen Typ nicht viel sagen, außer, dass es rot ist und der Lack an einigen Stellen rostet. Wenn es kalt ist, ziert es sich manchmal, anzuspringen. An den zum Teil erheblichen Steigungen in den Vororten muss es sich ganz schön abmühen. Und wenn es angesprungen ist und sich über die Hügel gequält hat, klappert es. Aber der Ford-Mazda fährt – und an sich auch recht zuverlässig. Und für weniger als acht Euro pro Tag kann man problemlos über die kleinen Wehwehchen hinwegschauen.

Was auf den ersten Kilometern Fahrt in Johannesburg auffällt: Es wird gar nicht so viel gehupt. Da sich die meisten darauf eingestellt haben, dass andere Autos (und insbesondere die Minibustaxis) nicht unbedingt plausible oder plötzliche Fahrmanöver vollführen, ist es auch kein Problem, sich von der Linksabbieger- auf die Rechtsabbiegerspur neu einzuordnen, ohne dass sich jemand darüber übermäßig aufregt. Angenehm ist zudem, dass nur wenig über Verkehrsschilder geregelt wird. An Kreisverkehren (die es hier vor allem in den Wohngebieten viel gibt) fährt der, der als erstes da war. Vorfahrtsstraßen werden durch Stopschilder organisiert. Und wenn tatsächlich mal wieder eine Ampel ausgefallen ist, fahren im Prinzip alle schön der Reihe nach und immer abwechselnd.

Ich habe ein bisschen geschmunzelt, als ich diese Dinge bewusst wahrnahm und mich an Deutschland erinnerte: Trotz des Chaos scheinen die Leute entspannter zu fahren. Und auch die – zumindest subjektiv wahrgenommene – geringere Zahl an Straßenschildern tut dem Verkehr offenbar gut. Vielleicht wird es Zeit, die bisher vereinzelten Pilotprojekte auszuweiten? Die vielen Verkehrsunfälle allerdings lassen daran wieder zweifeln. 

3 comments for now

3 Responses to “Mein Wrack und ich”

  1. Hallo Julian,

    schön zu lesen, dass es Dir gut geht und Du im Ford-Mazda-Wrack die Straßen Johannisburgs unsicher machst. Vielleicht lässt Du Dir aus Deutschland noch eine Lenkrad-Umpuschelung der Marke Trabant schicken (Ebay?). Das saugt den Angst-Schweiß beim Fahren auf und macht die Kiste dann wirklich einzigartig. In Halle geht gerade die Sonne unter. Das Funkhaus steht noch. Alles Gute aus der MDR-Info-Zentrale.

    Ralf

    04 Mai 2008 at 19:14

  2. Da ist mein Wahlheimat ganz vorn dabei:

    Verkehr neu regeln
    Zehn Städte bewerben sich um „shared space“

    Potsdam – Zehn brandenburgische Städte haben sich für das Verkehrsprojekt „Shared space“ (Gemeinsam genutzter Raum) beworben. „Bis zum Sommer wollen wir drei Pilotprojekte festlegen“, sagte Infrastrukturminister Reinhold Dellmann (SPD) gestern in Potsdam.

    Das Konzept verfolgt den Ansatz, dass Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer gemeinsam den Straßenraum nutzen, wobei niemand Vorrechte hat. Verkehrsschilder, Fußgängerinseln und Ampeln wären damit kaum mehr nötig. Die drei ausgewählten Kommunen werden dann Machbarkeitsstudien zu dem Projekt erstellen. Auf deren Grundlage können die Städte das Projekt in eigener Verantwortung und Finanzierung umsetzen. Das Infrastrukturministerium begleitet den Versuch fachlich und mit Fördergeldern. Beworben haben sich Lübben, Ludwigsfelde, Templin, Schwielowsee, Oranienburg, Teltow, Kleinmachnow, Potsdam, Luckenwalde und Nuthetal beworben.

    Beste Grüße!

    05 Mai 2008 at 08:24

  3. hallo julian,

    seit zwei wochen nix neues von dir! müsssen wir uns sorgen machen?

    ps: ford ist de facto muttergesellschaft von mazda. man hat gleiche plattformen. deinen automix kannst du also problemlos fahren. sollte allerdings auf dem motorblock was von vw stehen…. äh…. schnell aussteigen!

    :-) )

    gruß
    frank

    08 Mai 2008 at 14:41

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