Der goldene Käfig

Posted by Julian Kanth on Mai 15 2008 | Leben, Südafrika

Mauer und Armed ResponseHohe Mauern, brummende elektrische Zäune, Überwachungskameras und Nachtwächter, dazu die absolut obligatorischen Firmenlogos der „Armed Response“-Sicherheitsfirmen, die nach einem Druck auf den Panic-Button im Idealfall in wenigen Minuten zur Stelle sind – es sind bedrückende Eindrücke, die man bei einem Sonntagsspaziergang unter strahlend blauem Himmel durch die nördlichen Stadtteile Johannesburgs aufnimmt. Menschen sind kaum auf den Straßen unterwegs, und ob sie ihr Sonntagsfrühstück im Garten genießen, ist auch nicht erkennbar, denn meist in fröhlichen Farben angestrichene Mauern versperren den Blick. Zum Sound der Stadt gehören neben dem Straßenlärm und den Polizei- und Krankenwagensirenen (die es auch in Deutschland gibt) nervende Alarmanlagen. In den allermeisten Fällen handelt es sich um Fehlalarme, weil jemand auf den falschen Knopf seiner Autofernbedienung gedrückt hat oder weil sich jemand in Bereichen seines Hauses bewegt hat, in denen der Alarm scharf gestellt war. Besonders nachts ist das sehr nervig.

Es ist der, wie ich finde, typische Widerspruch dieses Landes: auf der einen Seite die scheinbare (trügerische?) Ruhe, auf der anderen Seite die Unsicherheit, die bei einigen sogar in Paranoia ausartet. Ich habe mit sehr unterschiedlichen Menschen gesprochen. Während einige sich permanent bedroht fühlen und sich kaum aus ihrem Haus trauen, nehmen andere die latente Gefahr nicht wirklich wahr. Das Thema Sicherheit ist – neben Loadshedding und dem Wetter – als Smalltalkthema immer präsent auf Partys oder wo auch immer verschiedene Leute aufeinander treffen.

Dass Südafrika ein ernsthaftes Problem mit Kriminalität und Gewalt hat, lässt sich schwer leugnen. Wikipedia verweist zum Beispiel darauf, dass in der Region Gauteng, in der Johannesburg liegt, mehr Leute durch Morde als durch Verkehrsunfälle sterben (eine Quelle für diese Angaben habe ich nicht gefunden). Die Autos fahren hier mit dem Kennzeichen GP (für Gauteng Province) herum. Scherzhaft haben das einige umgedeutet in „Gangsters Paradise“. Die Zeitungen sind entsprechend voll mit Kriminalitätsmeldungen. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die richtigen Tageszeitungen hier alle einen starken Hang zum Boulevard haben und daher Schreckensmeldungen gerne auf der Titelseite präsentieren. Viele Menschen verlassen Südafrika deshalb – in Richtung Australien oder Kanada. Spaziert man durch die Wohnviertel, stehen vor vielen Häusern Schilder mit dem Hinweis „For Sale“.

Mauer, Zaun, SicherheitDas Goethe-Institut Johannesburg hat sich vor einiger Zeit mal mit dem Thema „Armed Response“ beschäftigt. Die Grundthese dabei war, dass die privaten Sicherheitsfirmen gar kein Interesse daran haben, für wirkliche Sicherheit zu sorgen, denn dann machten sie sich ja selbst überflüssig. Und da in Südafrika mehr Menschen für Sicherheitsfirmen arbeiten als für die Polizei, ist das sicherlich auch ein (zynisches) arbeitsmarktpolitisches Argument.

Auf der anderen Seite lässt es sich in Johannesburg aber auch recht gut leben. Es gibt Gegenden, in denen man sich problemlos frei bewegen kann. In Melville kann man entspannt in einem Straßencafé in der Sonne sitzen oder abends ohne Sorgen ein Bier trinken gehen. In Newtown hat sich sich rund um das berühmte Market Theatre und das Museum Africa eine lebendige Kulturszene mit einigen Kneipen entwickelt. Einige Straßen weiter allerdings beginnt Hilborow. Das Stadtzentrum und ehemaliges Domizil der (weißen) Intellektuellen gilt als die gefährlichste Gegend der Stadt.

In Johannesburg muss man lernen, mit der (Un-)Sicherheit umzugehen. Man muss lernen, Informationen zu sortieren – nach sinnvollen Hinweisen und Schreckensmeldungen. Wenn einem das gelingt und man bestimmte Abstriche von seinen europäischen Gewohnheiten macht, kann man Joburg genießen und viele interessante Eindrücke sammeln.

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